Andreas Feil, abstrakte Fotografie, Streifenbild, Moderne Fotografie
Andreas Feil, abstrakte Fotografie, Streifenbild, Moderne Fotografie, Landschaft

Codes der Wirklichkeit

Florian Walch, Dr. phil.

 

Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge;

Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.

(The apparition of these faces in the crowd;

Petals on a wet, black bough.)1

 

Inspiriert von einem Aufenthalt in der Pariser Metro brachte der Dichter Ezra Pound Anfang des letzten Jahrhunderts in diesem Gedicht die zunehmende Geschwindigkeit, die Kurzweil und Fragwürdigkeit unserer modernen Wahrnehmung zum Ausdruck. Zweifellos hat das Tempo und die überwältigende Fülle von Informationen das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt entscheidend geprägt und verändert. Andreas Feils fotografische Arbeiten nähern sich dem Phänomen der Geschwindigkeit, visualisieren diese sich immerzu verändernde Wahrnehmung von Wirklichkeit und die Frage nach deren Authentizität. Sie bilden nicht ab, sondern sie enthüllen eine Realität jenseits der konventionell sichtbaren Welt.

Seine Fotografien sind abstrakte Bilder. Von der Ferne betrachtet erwecken sie den Eindruck, es handle sich um Malerei, doch bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass kein Pinselstrich hinter der einheitlich glatten Oberfläche zu erkennen ist. Im Wesentlichen bestimmen ein gestrecktes Bildformat und horizontal verlaufende Farbstreifen und -flächen die Bildkompositionen. Ein klassischer Bildaufbau mit Vorder- und Hintergrund fehlt, und somit bleibt die Frage nach der räumlichen Anordnung offen. Farben und Strukturen erzeugen indessen einen eigenen Rhythmus. Einige Passagen verdichten sich, wirken gedrängter und damit schneller, andere hingegen verlangsamen sich und erzielen somit eine größere Tiefe. Gerade an diesen Stellen, an denen der Takt der aufeinander folgenden Farbflächen zurückgenommen wird, kann man die Sensibilität seiner Arbeiten wahrnehmen. Feinste Farbabstufungen wechseln sich fast unmerklich ab, Linien treten hervor und verschwinden wieder im benachbarten Farbton und erreichen so eine klare, fast gläserne Leichtigkeit.

Als Ausgangsmaterial für seine Arbeiten verwendet Andreas Feil Abbildungen von historischen Ereignissen, die sich in das kollektiv-visuelle Gedächtnis eingeprägt haben. Andererseits bedient er sich banaler, kommerzieller Bilder aus Werbung oder Illustrierten. Die Quelle seiner Farblinien und Flächen sind somit konkrete, uns vertraute Abbildungen von Objekten oder Geschehnissen. In einem digitalen Verfahren verändert er diese Bildvorlagen, sodass räumliche Formationen sowie unterschiedliche Bildaussagen zugunsten gleichwertiger Farbstrukturen aufgehoben werden. Die Arbeiten von Andreas Feil stellen immer auch die Abbildbarkeit der Realität in Frage: Eine Wiedererkennbarkeit der Bildvorlagen in seinen Arbeiten ist ebenso wenig gegeben, wie die Fragegesichert ist, ob das ursprüngliche Bild seinerseits die Realität reflektiert.

Indem er aus bereits vorhandenem Bildmaterial einzelne Elemente herauslöst und diese Vorlagen einem strengen Plan folgend abstrahiert, lenkt er die Aufmerksamkeit weg vom individuellen künstlerischen Gestus hin zum bildnerischen Prozess. Er überträgt damit eine Methode der Malerei des 20. Jahrhunderts auf die Fotografie. So wie beispielsweise Jackson Pollock in seinen drip paintings die exakte Position eines einzelnen Farbtropfens weder vorhersehen konnte noch wollte, überlässt Andreas Feil in begrenztem Maß kompositorische Details dem Zufall. Die Arbeiten gleichen Fotografien, die aus der Bewegung heraus aufgenommen werden, wobei eine entsprechend lange Belichtungszeit gewählt wird, um Konturen verschwinden und Farbflächen ineinander übergehen zu lassen. Andreas Feil bewegt weder die Kamera noch lichtet er ein bewegtes Objekt ab, doch um so mehr haben wir den Eindruck, dass seine Bilder auf das Tempo einer Welt reagieren, die immer stärker beschleunigt und an Geschwindigkeit zunimmt.

Was auch immer die ursprüngliche Bildvorlage darstellte, sie gleicht nun den Gesichtern der Menge, die in Pounds Zeilen wie Blätter an einem Zweig haften. Der Wirbel dieser Welt verwischt vielleicht die Züge des Individuellen, er lässt jedoch ihre innere Wahrheit bestehen. Die Linse des Fotoapparats bildet die Wirklichkeit nur ab, aber sie stellt sie nicht dar. Andreas Feils Arbeiten hingegen lösen die für unsere Sehgewohnheiten erkennbare Realität auf und schaffen so eine neue Wirklichkeit, die aber von der sichtbaren nicht getrennt ist. Seine Arbeiten sind wie Codes für die Wirklichkeit. Sie sind nicht Wirklichkeit, sie bilden diese nicht ab, sondern sie benennen das Wirkliche gleichsam als »Spur, die nachdem Verschwinden alles anderen übrig bleibt«.2

 

 

 

 

Florian Walch, Dr. phil., geboren 1970, Studium der Philosophie und Kunstgeschichte in München und Tübingen, 2001–2004 Leiter der Galerie Charles Schuhmann in München

 

1 Ezra Pound, In a station of the metro, (Contemporanea, Poetry: A Magazine of Verse 2.1, London, April 1913). Übersetzung von Eva Hesse.

2 Jean Baudrillard, Photographies – Car l’illusion ne s’oppose pas à la réalité … , (Descartes & Cie, Chalon sur Saône, 1998). Übersetzung von Marie Nievoll.