Andreas Feil, Sommerlandschaft mit Hütte, Tegernsee, Weg zu einem Stadel, Gemälde, Landschaft
Andreas Feil, Tegernsee, Seebild, Wallberg, Gemälde

Landschaft als Stilleben

Prof. Dr. Thomas Raff, Kunsthistoriker

Wenn Kunst überhaupt eine Aufgabe hat, was ja durchaus umstritten ist, dann die, dem Betrachter die Augen zu öffnen, ihm eine andere, eine neue Sicht auf die Welt anzubieten. Das kann, aber muss nicht durch umstürzlerisch-genialische Neuerungen geschehen. In den Landschaftsgemälden von Andreas Feil ist das Neue in gewisser Hinsicht das Uralte: So hat man sich ideale Natur immer schon vorgestellt, in so einer Landschaft würde man gerne verweilen.

Feils Bilder sind gegenständlich, aber nicht realistisch. Man stellt sich eine vollkommene Landschaft zwar so vor, aber man kann sie so nirgends photographieren. Denn sie sieht so nicht wirklich aus, vielmehr sollte sie so aussehen. Feil gibt eher die Idee einer Wirklichkeit als ihre Abbildung. Seine gemalten Landschaften verhalten sich zum wirklichen Gelände wie die künstlerische Aktdarstellung zum nackten Körper.

Die Art, wie diese Gemälde entstehen, bestätigt solche Überlegungen: Vor der Landschaft fertigt Feil nur Skizzen an, die ihm dann im Atelier zunächst als Vorstudien zur freien Umsetzung in Aquarelle dienen. Und diese Aquarelle wiederum überträgt er, nochmals verändert, vereinfacht, ins große Format, ins Gemälde. Auch diese Technik hat etwas sehr Altes: Sie führt zurück in die Landschaftsmalerei vor der Schule von Barbizon. Und doch kommt dabei kein Claude Lorrain, kein Salomon van Ruysdael heraus, sondern es entstehen Bilder unserer Zeit, wenn auch keine, die irgendeinem ›mainstream‹ huldigen.

Dazu sind die Bilder von Andreas Feil zu ruhig, zu wenig Event, zu klassisch. Hier findet der Betrachter keine ›short message‹, sondern die Aufforderung, erst einmal Ruhe zu geben. Das Ruhig-Werden ist dem Maler wichtig. Der Betrachter dieser Bilder soll nicht mit schnellen Informationen abgespeist werden, sondern die vom Künstler dargebotene Wirklichkeit langsam wahrnehmen, mit eigenen Seh-Erfahrungen vergleichen, auf eine sozusagen hinter den Erscheinungen liegende Harmonie abtasten. Kurz: er soll die Bilder durch eigenes Zutun ergänzen.

In den Landschaftsbildern sind keine Menschen oder Tiere dargestellt, obwohl die Arbeit des Menschen allenthalben Spuren hinterlassen hat: Äcker wurden bestellt, Wege wurden angelegt, Häuser wurden gebaut, Zypressen wurden gepflanzt. Aber der Künstler reduziert all dieses Menschenwerk auf seinen Kern, auf Farbe und Form, auf Linie und Fläche, auf Schwere und Leichtigkeit. Die einzelnen Elemente der Landschaften wirken eher wie bei einem Stillleben zusammengestellt, und Stillleben spielen im Werk von Andreas Feil ebenfalls eine zentrale Rolle.

In seinen Stillleben begegnen sich Innen- und Außenraum: Stillleben, die wie Landschaften gebaut sind, Landschaften, die an Stillleben erinnern. Man ahnt, dass für Andreas Feil die Gegenstände mehr oder weniger nur den Anlass zur Malerei geben, dass sie vor allem als Träger von Farben und Formen fungieren.

Hat eine so ruhige, so klassische Malerei in unserer global gewordenen, medial-interaktiven Zeit überhaupt noch einen Sinn? Ich denke schon. So wie sich der Gang durch eine Kathedrale nicht durch einen CAD-Bildschirm ersetzen lässt. So wie der beste Facsimile-Band nichts ist gegen das Blättern in einer illuminierten mittelalterlichen Pergamenthandschrift.

Vielleicht bekommt diese Kunstrichtung sogar vor dem Hintergrund unserer immer virtueller werdenden Seh-Erfahrungen erst ihren eigentlichen Sinn. Zu wissen, dass sich ein Mensch so viel Zeit nimmt, um etwas für uns festzuhalten, das auch die genialste Maschine so nicht festhalten könnte. Zu spüren, dass uns ein Künstler zeigen kann, wie ambivalent er die angeblich reale Wirklichkeit sieht, wie er sie sehen will, worin er, schlicht gesagt, die Schönheit erkennt – das kann eine wertvolle Aufgabe der Kunst unserer Zeit sein. 

 

Prof. Dr. Thomas Raff, Kunsthistoriker, Schwerpunkt Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland, u. a. Kuratorentätigkeit für das Lenbachhaus in München und das Berliner Bröhan-Museum